Stöckelwild in der Loipe

Mein Skilehrer heisst Alois, sieht aus wie Heidis Almöhi und wurde vor wahrscheinlich etwa 76 Jahren auf Tourenski geboren. Er soll mir die richtige Technik des Langlaufs beibringen, denn randvoll mit Winterurlaubsendorphinen hatte ich mir im vergangenen Jahr am letzten Tag – ohne je auf Langlaufski gestanden zu haben – eine komplette Ausrüstung gekauft.

Der Plan sah vor, den restlichen letzten Winter und den Anfang diesen Winters auf heimischen Loipen zum Üben zu nutzen. Willingen, Winterberg, Essigberg oder in der Rhön – theoretische Möglichkeiten gibt es zur Genüge. Das war der Plan. Aber dann: keine einzige Flocke. Also fuhren die Ski genauso jungfräulich wieder zurück an den Ort, an dem ich sie vor genau einem Jahr erstanden hatte und nun musste professionelle Hilfe her.

Die traditionsreichste der hier ansässigen Skischulen veranschlagte dazu zwei Stunden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, ohne mich allerdings gesehen zu haben oder nach meinen sonstigen sportlichen Fähigkeiten zu befragen. Die sind eher bescheiden ausgeprägt und die Elefantenelfe in mir ist rein anatomisch auch nicht für besondere Hochleistungen gebaut. Herr Alois ist zuversichtlich, also bin ich es auch und wir stiefeln los zur Loipe – Schwierigkeitsgrad „leicht“. Nur, da wo die Loipe sein sollte, ist heute ein großes weißes Nichts. Es schneit in dicken Flocken, außerdem ist es sehr windig, also wird heute nicht präpariert, die Loipe wäre ständig wieder zugeweht. Wir müssen uns unsere Loipe selber suchen.

Als Erstes lerne ich hinfallen – und wieder aufstehen. Großartige Idee, finde ich, das werde ich sicher häufig brauchen. Und bin ganz angetan, wie einfach das geht, wenn man nur weiß wie. Also am Anfang, wenn man noch Kraft hat. Das letzte Mal Hinfallen des Tages löse ich eine Stunde später mit Öffnen der Skibindung und selbst das finde ich dann unfassbar anstrengend.

Danach geht es mit Schwungübungen ohne Stöcke weiter, erstaunlicherweise meistere ich das ohne größere Blessuren, hinfallen, aufstehen und weiter geht es. Da Alois alles, was ich mache „ganz wunderbar“ findet, selbst wenn ich Kopf vorn in einer Schneewehe stecke, motiviert mich das und schon fühle ich mich auch „ganz wunderbar“, obwohl die Waden und Schienbeine anfangen zu brennen und der Neuschnee mir ständig die Sicht vernebelt. Ich merke selber, woran es technisch hapert: verkrampfte Schienbeine sagen mir, da läuft was falsch. Besser wird es, als wir die Stöcke dazu nehmen. Eine ganze Weile laufen wir so hin und her. Anfangs gerate ich immer, wenn ich ins Gleiten komme wie es sein soll, in Aufruhr und drohe das Gleichgewicht zu verlieren, das wird besser mit der Zeit. Das Denken soll ich vor allem sein lassen und bin begeistert, dass ich noch Lebensberatung gratis dazu bekomme. Ich lerne die Loipenregeln, beobachte andere Langläufer und stelle fest, kaum einer läuft wirklich mit einer richtigen Technik. Skilanglauf scheint die gleiche Fangemeinde anzusprechen wie Nordic Walking und da wie hier wird offenbar genauso gern auf Technik verzichtet. Schnuddeln und schlappen, das ist hier ganz ähnlich.

Ganz zum Schluß der Stunde fangen wir noch an, den Ski zum Schwungholen nach hinten aus der Loipe zu heben, da will aber nur noch das rechte Bein wirklich mitmachen, das linke verweigert mir den Dienst, klebt wie mit Bleigewichten beschwert in der Spur und will nicht schwingen. Das wird also meine Hausaufgabe zum selber Üben. Und morgen, morgen lernen wir die Abfahrt sagt Alois noch, als wir uns am Auto verabschieden. Mir ist nicht klar, wie er sich das vorstellt, angesichts meiner wackeligen Gehversuche heute aber ich will ihm seine Zuversicht auch nicht ausreden. Schau´n mir mal, dann seg´n mir scho…