Leben im Museum

Venedig erfüllt jedes Klischee. Außer vielleicht das von verliebten Pärchen, die sich in Gondeln durch die Kanäle rund um San Marco rudern lassen. Es sind mehrheitlich Japaner, die den Gondoliere heute ihr Auskommen sichern. Und sie sind nicht verliebt, sondern im Stress: die Zeit ist knapp, da vorn mahnt schon wieder der bunte Regenschirm, der nächste Programmpunkt duldet keinen Aufschub. Es wird auch nicht mehr gesungen beim herumgondeln. Das Smartphone ans Ohr gepresst, reicht eine Hand zum Rudern und lenken. Nicht anders, als sonst auch auf Italienischen Straßen. Man muss Menschen – vor allem in großer Zahl – schon sehr mögen, um im zäh fließenden Touristenstrom keine Gewaltphantasien zu entwickeln. Oder den Magneten wie San Marco beiläufig den Rücken kehren, um sich kurz darauf in menschenleerem Gewirr aus Gässchen und Kanälen wiederzufinden, sich treiben zu lassen zu den kleinen Campi, auf denen die Squaddro Azurro von morgen im Straßenkampf Putz und Mörtel von den Fassaden schießt und Sinora Baldessarini im Kittel Pause von der Hausarbeit im Gespräch mit den Nachbarinnen sucht.

Dort, wo der Verfall offen zu Tage tritt, die Vergänglichkeit zum Himmel stinkt und sich die großartige Vergangenheit wie die immer wieder erzählte Geschichte der dementen Großtante Erika ausnimmt. Und wo der Cappuccino wie im Rest Italiens für € 1,60 von einem freundlichen Barista gebrüht wird, statt für €8,70 auf der Piazza San Marco in die Tassen zu fließen. Da habe ich das Venedig gefunden, das zu mir passt. Arigato, welke Schönheit!

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