Lido

An diesem Montag morgen merkt man, dass mindestens am Meer die Saison endgültig vorüber ist. Im noch geöffneten Strandcafé sind nur einzelne Tische besetzt. Es scheinen vor allem Einheimische zu sein, die zur Gazetta einen Aperol nehmen, um dann wieder an die Arbeit zurückzukehren. Am Strand werden die Strandhütten der Grand Hotels hinter schützenden Holzzäunen zusammengeräumt, ein Bagger schüttet aus Erde einen Wall auf, das Herbsthochwasser soll keine Beute machen. Als Zeugen einer längst vergessenen Epoche schauen überdimensioniert erscheinende Hotelbauten auf das sanftmütig auf- und ablaufende Meer.

Den Lido im Rücken und nur ein, zwei Stationen mit dem Vaporetto fällt mir auf: es gibt Menschen, für die dieser alltägliche Wahnsinn tatsächlich Alltag. Diese ständige Enge, das Erdrücktsein von Touristen, von denen nicht wenige für sich in Anspruch nehmen, aufgrund des entrichteten Reisepreises wie Könige und Unterdrücker unterwegs sein zu können. Der Lärm, die rund um die Uhr überfüllten Linienboote, die Preise und nicht zuletzt auch die Folgen dieses gigantischen Massenauftriebs. Eine Gruppe Schülerinnen, alle so um die fünfzehn Jahre alt steigt zu, ist auf dem Heimweg von der Schule und sieht –abgesehen vielleicht von den Monaten November und Januar – tagaus, tagein dieses Gewusel fremder Menschen, die Stockwerke hohen und alles überragenden Kreuzfahrtschiffe bei der Ein- und Ausfahrt in die Stadt. Sie fallen schon vor der Haustür über die Heuschrecken und sie sind noch immer da, wenn sie nachmittags heimkommen, Freunde besuchen oder abends ausgehen wollen. Ich stelle sie mir vor, auf Klassenfahrt zum Beispiel, in einem dieser dünn besiedelten Bergtäler der Südtiroler Alpen. Was muss das für ein Kulturschock sein. Und ist das überhaupt gesund, so aufzuwachsen? Von klein auf dieser Reizüberflutung ausgesetzt zu sein. Werden sie bleiben, wenn sie erwachsen sind oder wünschen sie sich in die Ruhe und Beschaulichkeit italienischer Mittelstädte, wie wir uns in unserer Jugend aus der Provinz herausgesehnt haben (nur um dann keine zwanzig Jahre später noch konsequenter dorthin zurückzukehren)? Venedig hat keine 60.000 Einwohner mehr, unser Kellner im Restaurant entgegnete auf die Frage, ob er in Venedig wohne, er tue dies selbstverständlich in Mestre. Es reiche ja schließlich in Venedig zu arbeiten. Ist der Stadt das Schicksal eines großen und ohne Frage großartigen Freilichtmuseums vorbestimmt? LidoMarkusplatz

Leben im Museum

Venedig erfüllt jedes Klischee. Außer vielleicht das von verliebten Pärchen, die sich in Gondeln durch die Kanäle rund um San Marco rudern lassen. Es sind mehrheitlich Japaner, die den Gondoliere heute ihr Auskommen sichern. Und sie sind nicht verliebt, sondern im Stress: die Zeit ist knapp, da vorn mahnt schon wieder der bunte Regenschirm, der nächste Programmpunkt duldet keinen Aufschub. Es wird auch nicht mehr gesungen beim herumgondeln. Das Smartphone ans Ohr gepresst, reicht eine Hand zum Rudern und lenken. Nicht anders, als sonst auch auf Italienischen Straßen. Man muss Menschen – vor allem in großer Zahl – schon sehr mögen, um im zäh fließenden Touristenstrom keine Gewaltphantasien zu entwickeln. Oder den Magneten wie San Marco beiläufig den Rücken kehren, um sich kurz darauf in menschenleerem Gewirr aus Gässchen und Kanälen wiederzufinden, sich treiben zu lassen zu den kleinen Campi, auf denen die Squaddro Azurro von morgen im Straßenkampf Putz und Mörtel von den Fassaden schießt und Sinora Baldessarini im Kittel Pause von der Hausarbeit im Gespräch mit den Nachbarinnen sucht.

Dort, wo der Verfall offen zu Tage tritt, die Vergänglichkeit zum Himmel stinkt und sich die großartige Vergangenheit wie die immer wieder erzählte Geschichte der dementen Großtante Erika ausnimmt. Und wo der Cappuccino wie im Rest Italiens für € 1,60 von einem freundlichen Barista gebrüht wird, statt für €8,70 auf der Piazza San Marco in die Tassen zu fließen. Da habe ich das Venedig gefunden, das zu mir passt. Arigato, welke Schönheit!

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