Das Sardinientagebuch: Hilfe, die Herdmanns kommen!

„Hilfe, die Herdmanns kommen“ war allerbeste Jugendunterhaltung und taugt auch heute noch für lustige Anekdoten. Bis, ja bis Herdmanns persönlich beschließen mit ihrer softwareseitig deutlich weiterentwickelten Kindergeneration die süddeutschen Pfingstferien auf der Campingparzelle nebenan zu verbringen. Da sich die kleinen Herdmanns 3.0 sehr schnell in einer Art Kriegszustand nach Art pädagogisch wertloser RTL2 Nachmittagsberieselung mit den Kindern des daneben zu ähnlichem Zweck abgestellten Wohnwagens befinden, macht man in nullkommanix Urlaub in einem Krisengebiet. All inclusive auf den Golanhöhen könnte nervenaufreibender nicht sein.

Leider steht unser Wohnmobil ziemlich direkt neben dem Munitionsdepot, in das das Waschhaus kurzerhand umfunktioniert wurde und das zum einen gut bewacht, zum anderen aber auch hart umkämpft ist. Unsere Hunde brauchen ebenfalls nur sehr kurze Zeit, um sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen und ziehen mit in den Krieg. Sie bekämpfen allerdings beide Seiten, völlig egal, ob es sich um ein Herdmann 3.0 mit Riesen-Wasserpistole „Angriff, Angriff“ gröhlend handelt oder um einen hysterisch kreischenden Alarmmelder mit Zöpfen und pinken Flip Flops der gegnerischen Seite. Die tun nix, die wollen nur spielen kann ich mir getrost schenken, dass glauben unsere Hunde mir nach den Attacken, die hier geritten werden eh nicht mehr.

Nach drei Tagen geben wir auf und ziehen weiter, um ernsteren Schaden von unseren Hunden fernzuhalten. Und finden einen Platz, der offenbar nur wenigen bekannt ist, denn ausser uns sind vielleicht noch zehn andere da, obwohl Platz für mehrere hundert wäre. Das Gelände bot sich außerdem wunderbar für ein bisschen Dummytraining an und Yllåån und ich haben quer über´n Platz unsere Unterordnung geübt., die Buben lernten zwei französische Foxterrierdamen kennen und wir deren Menschen. Yllåån brauchte ein bisschen, um zu verstehen, dass niemand die Ankerbojen der Segelschiffe für ihn zum Apportieren aufs Wasser gebracht hat und wir sind zum Fussballgucken in die örtliche Pizzeria gegangen. Deutschland – Portugal mussten wir allerdings alleine gucken… zu früh für Italien. Es hätte entspannter nicht ausklingen können.

Das Sardinientagebuch: Carboratore malade

„Carboratore malade“. Diagnose eindeutig und nicht mehr zu verhehlen: in unserer Heckgarage überlädt eine Mobilitätshilfe der italienischen Antike die Hinterachse mit stolzen 200 Kilo, der man in den vergangenen 19 Jahren die eine oder andere Wartung hätte angedeihen lassen sollen. Dann machen auch Investitionen in neue Gabeln und ähnlicher Schnickschnack irgendwie wieder Sinn. Nun, wir haben ja Ferien und damit auch gerade nicht wirklich etwas zu tun, während hier im sozusagen Mutterland des Zweitaktrollators eine autorisierte Vertragswerkstatt – von wem und für was finden wir vielleicht noch heraus – am Mittwoch vormittag auch gerade nichts vorhat. Wer das für Zufall hält: gibt es nicht. Also Zufälle jetzt. Irgendeinem höheren Sinn wird das schon folgen. Den braucht es allein schon, um sich selbst zu erklären, warum ein Roller mitkommt, der erstens zu schwer ist und zweitens fährt wie ein Sack Muscheln, während zwei kaum genutzte Fahrräder zuhause in der Garage darben müssen.

Das Sardinientagebuch: Giovanni

Ein schneller Wechsel von blankem Entsetzen zu völliger Resignation auf Stefan´s Gesicht, als mir im Weggehen der Sardische Käser die Hand reicht und sich mit einem knappen „Giovanni“ vorstellt. Spätestens hier ist klar, dass alle zuvor ausgesprochenen Einkaufsempfehlungen rhetorisch theoretische Gedanken waren und das Geschäft noch vor in Augenscheinnahme der Ware bereits quasi rechtsverbindlich besiegelt wurde. So komme ich denn auch nach erfolgter Verkostung aller im Fahrzeug präsentierten Reifestadien eine knappe Viertelstunde später mit einem in Tonnen grauen Packpapiers gewickelten „fiore di Sardegna“ unter dem Arm zurück, strahlend vor Glück, dass soviel köstliche Crema nur wenig mehr gekostet hat, als beide Hunde zusammen im Monat verputzen. Er sei ganz anspruchslos, hatte Giovanni versprochen und fühle sich überhaupt „nell´ambiente“ am wohlsten. Ob er ihn dann vielleicht direkt aufs Dach zu den Surfbrettern packen soll, da wäre er der sengenden Sonne am nächsten ausgesetzt, ätzt Stefan, bevor er den neuen Mitreisenden – von Yllåån auf´s Herzlichste begrüsst – im Bodenstaufach verschwinden lässt. Auch aus diesem Auto wird der köstliche Duft reifenden sardischen Pecorinos also nie wieder völlig verschwinden. Und lactosefrei ist er auch noch.

Das Sardinientagebuch: Pizzeria Acapulco

Jeden Nachmittag pünktlich um 16 Uhr, also nach Ende der etwa vierstündigen Siesta – vergleichbar in etwa mit unserer 30minütigen Mittagspause – beginnt der Schornstein der Restaurant-Pizzeria „Acapulco“ dichten schwarzen Qualm weithin sicht- und riechbar in den Himmel zu entlassen, der jeder Pabstwahl alle Ehre machen würde. Aber zur Wahl steht kein neuer Pabst, sondern ein umfangreiches Angebot an Holzofenpizzen. Soweit, so gut – am Ende lassen wir die Pizzen dann den anderen Gästen und bestaunen beeindruckt, welche Gössen und Ausformungen da zu den Tischen geschleppt werden. Bei uns gibt´s Fisch. Sind ja schliesslich am Meer. Ob Dorade und Tintenfisch Arbeitsimmigranten sind oder tatsächlich an der sardischen Küste in die Netze gegangen sind, lässt sich nicht abschließend klären. Lecker sind sie aber alle Mal. Es dauert nur eine Weile, den sehr serviceorientierten Kellner davon zu überzeugen, dass mindestens einer von uns durchaus in der Lage ist, einen ganzen Fisch – Sensation. Ein GANZER Fisch – zu filetieren. Vielleicht will er uns auch nur vor üblen Verletzungen bewahren. Er zeigt sich am Ende jedenfalls ehrlich beeindruckt.

Das Sardinientagebuch: Die Phönixe

Der Platzwart bringt mit seinem Golfcar offenbar frisch angereiste Rentner in kess karierten Golfhosen, schwarzen Polohemden und weissen Baseballkappen. Die Besichtigung freier Parzellen erfolgt mit viel Grandezza, rheinischer Dialekt weht herüber. Wir wetten. Und tatsächlich biegen kurz darauf zwei Superliner mit Mönchengladbacher Kennzeichen in die überschaubaren Zufahrten zu den Camping-Parzellen ein. Fahren kann nur einer der beiden und so hängt sein Kumpel kurz darauf bedrohlich diagonal hangaufwärts in einer Hecke fest. Vorabendliches Unterhaltungsprogramm pünktlich zur besten Grillzeit. Der halbe Platz bezieht begeistert Beobachtungsposten. Hymer-, McLouis, Rimor- oder Eurafahrern – um beispielhaft nur ein paar zu nennen – wären sicher eifrige Helfer beigesprungen. Superliner machen einsam und so müht der arme Kerl sich redlich, den Karren alleine aus dem Dreck, pardon der Hecke zu ziehen. Die Insassen dürften eine etwas abschüssige Nacht mit Blutstau im Kopf oder den Waden verbracht haben.

Toller an Bord!

Sieben Stunden Fährüberfahrt sind anfangs noch ganz kurzweilig, werden aber schnell sehr langweilig. Zwei Café Latte aus der Bordbar, Ausgabe der Liegestühle, Ablegen im Hafen, spiegelglatte azurblaue See unter ebensolchem Himmel… und dann erstmal lange nichts.
Gut, dass diese beiden Tedesci da so freundlich-hübsche Hunde dabei haben. Sieben Stunden später sind die beiden quasi nackt gestreichelt, öfter fotografiert worden als alle Germany Next Topmodels im Laufe ihrer Karrieren zusammengenommen und kennen nun in allen romanischen Sprachen die Begriffe für „Schönheit“, Anmut“, „Liebreiz“ usw. Vielleicht glauben sie auch, wir haben sie in „Bellissime“ umbenannt.

Dass auch meine vergeblichen Versuche, Yllåån von der Funktionalität der „area animali“ zu überzeugen, begeistert beobachtet (und natürlich fotografiert) und außerdem offenbar als Teil des Unterhaltungsprogramms an Bord gewertet werden, macht die Sache nicht leichter. Wahrscheinlich finden sich inzwischen auf unzähligen Italienischen facebook-Seiten meine engagierten Versuche, in einer Edelstahlwanne voller dicker Kieselsteine und einem Edelstahlmasten in der Mitte stehend, Yllåån mit motivierten „pipi“ Ausrufen dazu zu bewegen, es mir gleich zu tun. Der würde sich aber lieber von Bord werfen, als auch nur ansatzweise über so eine absurde Idee nachzudenken…. Also macht er einfach mal nicht. Und auch im Hafen angekommen erst, nachdem wir einen Fleck vertrockneter Grünfläche anbieten können.

Das alles ist schnell vergessen. Die Zwischensaison fängt erst am 15.6. an. Wir haben deshalb Platz, Ruhe und auch die schönsten Badestellen fast für uns, das Wetter ist konstant traumhaft mit Temperaturen um 29 Grad, zwei Tage mal über 30 und genauso 2 Tage mit Gewitter und nur noch 22 Grad.